Tool No. 4: Schönheit und Scham

Vom weiblichen Körper weiß man vor allem eines ganz genau: wie er zu sein hat. Schön – aber nicht zu schön, sexy – aber nicht zu sexy, nicht zu stark – aber auch nicht zu schwach und so weiter. Als Frau befindet man sich im Umgang mit dem eigenen Körper auf einem schmalen Grat zwischen gesellschaftlich definierten Grenzen.

Schon Aphrodite – bezeichnender Weise gleichermaßen Göttin der Schönheit und der Liebe, war vor allem schön und geliebt durch das Begehren, welches sie in anderen Göttern und Männern ausgelöste. Bis heute stellt die scheinbar weibliche Angst hässlich und damit ungeliebt zu sein für viele eine gefühlt existenzielle Bedrohung dar. Aber wie kann man sich unter so einem Zwang körperlich frei ausdrücken?

Die Schönheitsindustrie ist so mächtig und so groß wie nie zuvor. In einer Studie haben dreitausend amerikanische Frauen formuliert sie würden lieber zehn bis fünfzehn Pfund abnehmen, als irgendein anderes Ziel zu erreichen. Man rechnet mit einem Prozentsatz von 5,9 Prozent an Essstörungen erkrankten Frauen und 1,5 Prozent erkrankten Männern in Deutschland. Das Schönheitsempfinden und das damit einhergehende Körperbild unserer Gesellschaft ist schädlich. Und zwar vor allem für Frauen.

Als Frau ist die Selbstbestimmung über den eigenen Körper weltweit immer noch ein Privileg. In einigen Ländern, wie beispielsweise Algerien und dem Irak ist es gesetzlich festgeschrieben, dass man als Vergewaltiger straffrei ausgeht, wenn man sein Opfer nach der Straftat heiratet.

Im Mai 2019 wurde in Alabama das Gesetz verabschiedet, nach welchem es Vergewaltigungsopfern in Zukunft verboten ist, eine Abtreibung vorzunehmen. 1971 erschien in Deutschland die Titelgeschichte „Wir haben abgetrieben!“ im Stern, um für das Recht der legalen Abtreibung zu kämpfen. Das Thema scheint immer noch hoch aktuell zu sein.

Die scheinbare „Natur der Frau“ wird oft als Argument benutzt um stereotypisierte Rollenbilder aufrecht zu erhalten und Frauen die Möglichkeit abzusprechen sich in als männlich definierten Bereichen zu behaupten. Die mediale Repräsentation und das Gehalt von professionellen Sportlerinnen ist weit entfernt von Gleichberechtigung, obwohl der tatsächliche Leistungsunterschied zwischen Männern und Frauen stetig schrumpft. So ist die schnellste Ironman Triathletin Chrissie Wellington tatsächlich nur 15 Minuten von der männlichen Bestzeit entfernt. Werden Männer in Zukunft eine Ironwoman laufen, fahren und schwimmen?

Der weibliche Körper nimmt im Sexismus einen besonders hohen Stellenwert ein. Viele Debatten zum Thema Weiblichkeit werden an ihm verhandelt. Dieses Zine soll die Möglichkeit bieten, Körper als individuellen Ausdruck von Persönlichkeit zu verstehen. Selbstbestimmt und frei von standardisierten Beurteilungen und schädlichen Idealen kann man mit ihm Diskriminierung entgegenwirken.